Essay: Friulanisches Glück

© Doris Maria Weigl

© Doris Maria Weigl

Ich habe ein Haus zwischen Hügeln und Meer – im Collio, mit einem kleinen Hof, einem winzigen Garten und ganz aus Stein. Rund um dieses Kleinod geht es höchst italienisch zu. Che bello! Über den Zaun hinweg regnet ­­ es schöne Worte, während der Wind die Wäsche der Nachbarinnen trocken weht. Draußen auf der Straße zieht das Leben vorbei, und in der nahen Kirche wird viel gesungen, gebetet und auch geweint. Im Hof dösen meist drei oder vier Katzen. Erst das Abendgeläut vermag sie zu bewegen. Dann beginnt auch der Tag sich davonzuschleichen. Piano, piano löst er sich vom Alltag, vom friulanischen Geschnatter der Nachbarinnen, vom Zirpen der Zikaden ­in den Bäumen neben der Kirche und vom Strudel der Straße. Er wird leiser und leiser, und irgendwann ist er weg.

Frühling, Sommer, Herbst...

An den Abenden in meinem Hof bin ich glücklich, egal zu welcher Jahreszeit. Mein Glück verändert sich dabei nur wenig – vielleicht, weil der Blick von meiner Veranda auf die mächtige Seitenwand der Kirche fällt und dem Ort dadurch etwas Statisches anhaftet. So lebhaft und italienisch es auf der Straße zugeht, mein Glück im Hof ist ein stilles. Es riecht im März nach feuchter Erde und im Mai nach den Blüten des Gelsomino, des wilden Jasmins. An den schwülen Sommerabenden am Rande der friulanischen Tiefebene bewegt es sich kaum, sondern ist einfach nur da. Im Herbst erfüllt es mich ­mit warmen Gedanken an die Arbeit und die Gesellschaft im Weingarten, und im Winter friert es infolge des milden Klimas nicht ein.

Mein friulanisches Glück begleitet mich nun schon seit vielen Jahren. Die schnelle Entscheidung, mir diesen Traum vom Süden zu erfüllen, ist damals goldrichtig gewesen. Ich erinnere mich gut an das erste Frühjahr in den eigenen vier italienischen Wänden und an eine Wärme, die ich um nichts auf der Welt hätte hergeben wollen. Während auf den Hausnummern 2a und 2c beim ersten Sonnenschein die Fensterläden zuknallten, öffnete ich sie weit und schaute den Staubkörnchen zu, wie sie im schrägen Sonnenlicht schwebten, und zählte vom Fenster aus die gerade erblühten Rosen. Licht, Luft, Wärme, das gönnte ich mei­nem Haus auch, wenn ich nicht da war. Die Fensterläden blieben stets offen. Die Nachbarin zur Linken schüttelte den Kopf. Die Nachbarin zur Rechten tat es ihr gleich. »Links« und »Rechts« verstrickten sich, ­ auf ihre Besen gestützt, in enigmatische Wortwirren: friulanische Zaubersprüche, bestimmt. Um die Antwort war ich nicht verlegen, auch ich schüttelte den Kopf – ­natürlich auf Deutsch, die Finger hinter dem Rücken gekreuzt, gewappnet gegen alle Hexen des Südens.

Das Glück zerfliesst

Bis in den Juli empfing mich mein Haus lichtdurchflutet und hell. Dann kam der ­August und mit ihm unbändige Vorfreude auf eine Woche Urlaub im Süden. Inzwischen hatte sich allerdings glühende Hitze übers Land gelegt und mein Haus in einen Backofen verwandelt. Mein friulanisches Glück drohte zu schmelzen. An Schlaf war nicht zu denken, und aus Verzweiflung begann ich, in der Veranda zu übernachten. In diesen Augustnächten habe ich mein Sommerglück kennengelernt. Sobald sich der Abend in den Hof senkte, erhoben sich dort die Geräusche der Nacht. Das Leben kehrte zurück. Der Brunnen auf dem Kirchplatz plätscherte leise. Untertags war sein feines Rinnsal kaum mehr zu hören gewesen, denn in der Hitze tropften Tag wie Wasser mühsam dahin. Jetzt aber plansch­te und plauschte er munter. Statt in der Hitze glühte die Seitenwand der Kirche im orangeroten Licht der Straßenbeleuchtung. Kurz nach Mitternacht begannen die feingliedrigen Fangarme der Glyzinie mit einem anmutigen Tanz. Sie schmiegten und wiegten sich in der aufkommenden Brise, ließen ihre Tentakel im Wind schaukeln oder in der Stille schweben. Bald kraxelte der Mond aus der Palme. Ich hatte einen riesigen, roten Lampion erwartet, so wie ich ihn im Juni zum Greifen nahe über dem Ort hatte hängen sehen. In dieser meiner ersten Verandanacht im August war der Mond hingegen fern. Er strahlte weiß und kalt – wunderbar kalt. Irgendwann ging der Mond und der Morgen kam und die Katzen trotteten in den Hof zurück. Der neue Tag schmeckte nach dem Salz auf der Haut, nach der Hitze des Gestern.

Gnädiges Nicken

Wenn ich in der Früh aus unruhigem Schlaf erwachte – selbst in der Nacht kühlte es nicht ab –, blinzelte ich zuerst zu den Nachbarinnen hinüber. Wie immer schüttelten ­sie heftig die Köpfe, wie immer auf Friulanisch, und wie immer murmelten sie ihre Zaubersprüche, die sie vor einer Verrückten aus Österreich schützten sollten, die seit ein paar Tagen im Freien schlief. In diesen Augusttagen bin ich trotz al­lem meinem Sommerglück ganz nahe gekommen. Und ich habe mir den richtigen Umgang mit meinem Steinhaus gemerkt. In all den Jahren, die folgten, ging ich gleich den Nachbarinnen sehr behutsam vor: Sobald in der warmen Jahreszeit die Morgensonne über die Steinmauer lugt, eile ich ans Fenster, um die Läden zu schließen. Von links und rechts kommt daraufhin ein gnädiges Nicken. Den Bann haben die beiden trotzdem noch nicht ganz von mir genommen. Zwar winke und nicke ich freundlich zurück – längst schon in passablem Italienisch –, richtig verstehen werden wir uns aber wohl nie.


Die Friaul-Trilogie von Christine Casapicola

»Nächstes Jahr im Küstenland« (ISBN 978-8-88695-017-6)

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»Irgendwann im Küstenland« (ISBN 978-8-88695-020-6)

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Ihr jüngstes Buch »Wiedersehen im Küstenland« (ISBN 978-8-88695-034-3) – es erscheint Anfang April und kostet 25 Euro (alle Edizioni Braitan).

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Falstaff Nr. 02/2020
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