Teatime: Geschichte und Wissenswertes

Fünf-Uhr-Tee im Palmensaal des Hotel »The Ritz« in London: Wer etwas auf sich hält, gönnt sich dieses Ritual von Zeit zu Zeit.

© Mauritius Images

Fünf-Uhr-Tee im Palmensaal des Hotel »The Ritz« in London: Wer etwas auf sich hält, gönnt sich dieses Ritual von Zeit zu Zeit.

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An einem Tag im November 2019 wurde die britische Nation schwer erschüttert in ihrem Glauben an Premierminister Boris Johnson. Nicht des Brexits wegen, Gott, nein! Es ging um etwas viel Fundamentaleres. Ein Video aus der Parteizentrale zeigt, wie Johnson Ratschläge an die Wähler verteilt und währenddessen in die Büroküche läuft, um sich einen Tee zu machen. Er brüht sich eine Tasse auf, öffnet den Kühlschrank, greift zur Milch – und dann passiert es: Johnson gießt Milch in seine Tasse, ohne vorher den Teebeutel herauszunehmen!

Ein großer medialer Aufschrei folgte. »Johnson weiß nicht, wie man sich einen Tee macht!«, titelte eine große Zeitung online, es war von »Schock« die Rede, und viele Wähler schrieben fassungslose Kommentare in den sozialen Netzen. Boris Johnson sah sich genötigt, eine Klarstellung zu verbreiten: Er trinke seinen Tee wirklich so, auf diese Weise brühe er richtig und werde stärker. Am Ende schadete der Fauxpas Johnsons Wahlerfolg bekanntlich nicht, doch der Stellenwert, den Tee bei unseren Nachbarn auf der Insel hat, ist dennoch kaum hoch genug einzuschätzen. 70 Prozent aller Briten trinken Tee. Auf rund 100 Millionen Tassen schätzt die UK Tea & Infusions Association den Konsum pro Jahr (bei etwa 67 Mio. Einwohnern). In Europa trinken nur die Iren und die Ostfriesen mehr, aber das ist eine andere Geschichte. 98 Prozent aller Briten gießen Milch in ihren Tee (oder umgekehrt, dazu später mehr). Tee gehört zum Selbstverständnis wie Schlange stehen und (Selbst-)Ironie. Aber woher rührt die anscheinend untrennbare Verbindung?

Zum Frühstück Bier

Anders als man vielleicht annehmen könnte, waren die Briten keineswegs die ersten Teetrinker in Europa. Während man in den Niederlanden – wo der Tee aus Übersee zunächst ankam – und in Portugal schon Tee trank, genehmigten sich die Engländer zum Frühstück ein warmes Bier (warm ale). Die Liebe zum Tee verdanken sie einer Ausländerin: Katharina von Braganza. Sie heiratete im Jahr 1662 den englischen König Charles II. und verließ dafür ihre portugiesische Heimat. Doch während in Portugal Tee schon lange als Genussmittel bekannt war, den auch Katharina gerne trank, galt er in England noch überwiegend als Medizin.

Die junge Königin jedenfalls lud fortan Damen zur Tea Time, einem ungezwungenen Austausch, bei dem sich die Frauen des Adels über die neuesten Gerüchte und Nachrichten auf dem Laufenden hielten. Die Treffen entwickelten sich zum Magnet für die Upper-Class-Ladies, auch deshalb, weil für Tee feine Tassen zum Einsatz kamen. Ihr Material, hauchdünnes Porzellan aus China, war damals so etwas wie eine Vuitton-Tasche heute: begehrenswert und kostspielig.

Schnell stieg Tee zu einem Distinktionsmerkmal der Oberschicht auf, schon allein der Kosten wegen: Ein Pfund Tee kostete damals so viel, wie ein Arbeiter im ganzen Jahr verdiente. Außerdem bot er die Gelegenheit für ungezwungenen Austausch in der ansonsten so auf Strenge und Diskretion bedachten englischen Aristokratie – wer sich umschaut, staunt, wie nah die Tische auch heute selbst in gehobensten Häusern wie etwa dem »Ritz« oder dem »Claridge’s« in London beieinanderstehen. Die Tea Time war ein soziales Ereignis. Und während Frauen die zahlreichen Kaffeehäuser, die sich übers Land ausgebreitet hatten, nicht betreten durften, war ihnen die Tea Time gesellschaftlich gestattet.

Afternoon Tea

Im 18. Jahrhundert vervielfachte sich der Import durch die East India Company, von zwei Tonnen im Jahr 1678 auf mehr als 2100 Tonnen im Jahr 1750. Tee kam immer stärker im Bürgertum an. Gemeinsam Tee zu trinken galt als patriotisch, denn man stärkte damit über die Steuern die britische Regierung. Erst ein weiteres Jahrhundert später war der Preis des Tees so weit gesunken, dass sich auch einfache Arbeiter eine Tasse davon leisten konnten. Immer mehr Tee kam nun aus Indien, während zuvor fast ausschließlich China das Ursprungsland gewesen war.

In der Oberschicht hatte sich zu der Zeit längst ein weiteres Ritual etabliert, das bis heute hochpopulär ist: der Afternoon Tea. Auch dessen Einführung geht auf eine Frau zurück. Anna Maria, Herzogin von Bedford, wollte angeblich nach einem kargen Mittagessen die Zeit bis zum Dinner überbrücken. Zwischen halb vier und fünf Uhr am Nachmittag servierte sie ihren Afternoon Tea, bei dem es auch etwas zu essen gab. Klassischerweise gehören insbesondere Finger Sandwiches und Scones mit Clotted Cream und Marmelade dazu, die Luxusvariante Royal Afternoon Tea ist noch um Champagner ergänzt. Wichtig war stets, dass alle gereichten Kleinigkeiten weich und gut zu kauen waren – schlechte Zähne waren noch vor 150 Jahren ein häufiges, schmerzhaftes Problem.

High Tea

Auch wenn Afternoon Tea heute oft mit High Tea gleichgesetzt wird, es gibt beträchtliche Unterschiede. Denn während der Afternoon Tea ursprünglich ein gesellschaftliches Ereignis der Oberschicht am Nachmittag war und man dabei an einem niedrigen Tisch saß, war der High Tea eine bürgerliche Erfindung. Hierfür kommt man am Esstisch (high table) zusammen, und es geht deutlich rustikaler zu. Ein solcher High Tea ersetzte ursprünglich sogar das Abendessen und wird dementsprechend mit vielen herzhaften Speisen (etwa Pastys oder kaltem Braten) kombiniert.

Mit den Jahren bildeten sich jene Spleens und Rituale der Engländer aus, die es heute noch in die Schlagzeilen schaffen. So rätselte die Nation beispielsweise lange, ob die Queen zum Lager der Tea-in-Firsts (TIFs) oder der Milk-in-Firsts (MIFs) gehört. Für Nicht-Briten: Gießt sie zuerst Tee in die Tasse und dann Milch oder umgekehrt? Zunächst Milch und danach den Tee einzugießen gilt als ursprüngliche Variante, da die niedrige Temperatur das empfindliche Porzellan schonte. Als der frühere Butler der royalen Familie, Grant Harrold, schließlich enthüllte, dass die Queen eine bekennende TIF ist, berichteten etliche Medien darüber. Selbst innerhalb von Familien, so versichern Experten, verlaufen Gräben in dieser Frage.

Abseits solcher Diskussionen steht fest: Wenn es in der klassenbewussten britischen Gesellschaft eines gibt, das alle verbindet, dann Tee. Jedenfalls fast. Von Prinz Philip heißt es, er möge den Geschmack von Tee überhaupt nicht. Er trinkt lieber Kaffee.


Do’s and Dont’s für die Tea time

Tea Time

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  • Benutzen Sie losen Tee, keine Beutel.
  • Niemals schlürfen!
  • Niemals pusten, damit der Tee abkühlt, sondern warten.
  • Niemals Kekse in den Tee tunken.
  • Entspannt trinken, keiner hetzt Sie.
  • Scones nicht aufschneiden, sondern durchbrechen und dann mit Clotted Cream bestreichen.
  • Den Teller nicht überladen, ein oder zwei Sandwiches bzw. Scones auf einmal sind genug .

Wie Earl Grey entstand

Wenn man der Legende glauben mag, beginnt die Geschichte des Earl Grey wie recht viele Entdeckungen der Menschheit mit einem Zufall. Als Dockarbeiter eine Ladung Tee löschen wollten, passierte ein folgenschweres Missgeschick: Ein Fass kippte um und öffnete sich aus ungeklärten Gründen. Der Inhalt, Bergamottöl, ergoss sich auf den Schwarzen Tee und machte ihn anscheinend ungenießbar. Ein gewisser Charles Grey, für den die Ladung bestimmt war, war nicht nur britischer Außen- und Premierminister, sondern auch ein gewiefter Geschäftsmann. Er probierte den verunreinigten Tee zunächst, um dann zu entscheiden, ob er ihn vernichten sollte. Doch entgegen seinen Erwartungen schmeckte die Mischung so gut, dass er entschied, sie zu verkaufen. Heute enthalten Earl-Grey-Tees nur selten echtes Bergamottöl.

Best of Earl Grey

Notizen von Sandra Burghardt

ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 01/2020
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